Mit einer meiner Geschichten bin ich unter den ersten zwanzig Plätzen beim Schreibwettbewerb 2016 des Buchjournals gelandet.


http://www.buchjournal.de/1234567/

 

Bei LovelyBooks gibt es eine Leserunde zu meinem Buch


https://www.lovelybooks.de/autor/Sandra-Sch%C3%BCmann/Der-erste-Satz-1344479190-w/leserunde/1461704388/

 

 

 

                                                                                                             

Ines 

 Ich folgte einem Ton.

 

War er nur in meinem Kopf oder hörte ich ihn wirklich? Er war so besonders, dass ich nicht sagen konnte, wo genau er entstand. Dann ging ich in die Richtung, aus der  dieser Ton kommen konnte. Doch egal, wie weit ich ging, er wurde nicht lauter, kam nicht näher. War er also doch nur in meinem Kopf?

„Guten Tag,bitte sagen Sie mir, wo ich die nächste Apotheke finde“, sprach mich eine kleine alte Frau an.

Ich erschrak ein wenig, weil ich immer noch an diesen Ton dachte. „Die Straße runter auf der rechten Seite“, sagte ich und zeigte mit meiner linken Hand in die richtige Richtung. Kurz überlegte ich, ob ich sie nach diesem Ton fragen sollte, ob sie ihn vielleicht auch hörte. Allerdings zögerte ich zu lange und die Frau machte sich mit einem freundlichen „Danke“ auf den Weg zur Apotheke.

Ich versuchte wieder, den Ton zu hören. Bedauerlicherweise fuhr an mir in diesem Moment ein großer Lastkraftwagen vorbei, sodass ich mir die Ohren wegen des Lärms zuhalten musste. Als es wieder ruhiger wurde, lauschte ich nach dem Ton. Er war wieder da.

Wie konnte ich den Ton nur beschreiben? Er war tief und sanft, sehr leise und doch laut genug, ihn wahrzunehmen. Er klang, als wollte er zu mir oder ich zu ihm, ja, als wollten wir zueinander. So ein Gefühl hatte ich bei noch keinem Geräusch, wobei ich gerne auf die Töne der Natur höre. Vogelgezwitscher, Bachgeplätscher, Blätterrauschen. Aber nichts, was ich kannte, glich diesem Ton.

Ich versuchte noch einmal, dem Ton näher zu kommen, ging die Straße entlang, überquerte sie dort, wo es zum kleinen Park ging, und setzte mich unter einem Baum auf eine Bank. Wieder musste ich feststellen, dass der Ton nicht lauter geworden war. Aber auch nicht leiser. Ich war so verwirrt und in Gedanken, dass ich den jungen Mann nicht näherkommen sah, der mich um ein paar Münzen bat.

Ich sagte ihm, dass ich kein Geld bei mir hätte, und er schlurfte davon.

Erneut kam in mir die Frage auf, ob auch ein anderer diesen Ton hörte. Doch auch der junge Mann war verschwunden, bevor ich ihn fragen konnte.

Ich ließ mich von diesem Ton treiben, hörte ihm genau zu. Er trug mich fort. Ich schloss meine Augen und sah leichte, bunte Farben vor mir. Sie wechselten wie die Farben des Regenbogens. Gleichzeitig hörte ich andere Töne. Waren es die aus dem Park, in dem ich saß, oder kamen sie aus meiner Fantasie? Ich suchte keine Antworten auf diese Fragen, sondern ließ mich einfach forttragen. Was für ein schöner Ton, sagte ich mir immer wieder.

Nach einer Weile stand ich von der Bank auf und ging weiter. Noch einmal wagte ich das Experiment und ging in eine Richtung, aus der der Ton kommen konnte. Ich ging einfach los und immer weiter, bis ich an einem alten Spielplatz stehen blieb. Eine alte Schaukel quietschte im Wind. Hier spielte schon lange kein Kind mehr, die Klettergeräte waren teilweise von Unkraut umschlungen, die Fußballtore kaputt und die einzige Bank, die ich fand, hatte keine Sitzfläche mehr. Ich sah den Bewegungen der Schaukel zu und erinnerte mich daran, wie gern ich als Kind geschaukelt hatte. Ich wollte es jetzt noch einmal tun und ging hinüber. Ich setzte mich auf die alte Schaukel und sie quietschte noch mehr. Ich musste lachen, weil ich ein wenig Angst hatte, sie würde abstürzen. Aber sie hielt mich und ich fing an, meine Beine nach vorn und nachhinten zu bewegen.

Durch das Schaukeln vergaß ich fast den Ton, dem ich folgte. Da sah ich am anderen Ende des Spielplatzes ein Kind im Sand spielen. Ich war mir sicher, dass es vorhin noch nicht da war. Ich schaute ihm eine Weile zu und hörte durch das Quietschen der Schaukel, dass es sang. Die Worte konnte ich nicht verstehen, aber die Melodie berührte mich sehr. Weil ich keinen Schwung mehr holte, wurde die Schaukel immer langsamer, bis sie ganz still stand. Ob das Kind mich bemerkt hatte? Die Geräusche der Schaukel waren laut genug, aber es sah nicht zu mir. Die Musik des Kindes verzauberte mich regelrecht. Ich ging zu ihm und setzte mich in den Sand.

Das Kind sah auf und ich blickte in meerblaue, unendlich tiefe Augen. Es lächelte mich an, ohne mit dem Spielen und Singen aufzuhören. Es reichte mir eine Schaufel und ich fing an, einen Sandhügel aufzutürmen. Eigentlich hätte ich mir lächerlich vorkommen müssen, doch ich empfand es in diesem Moment als völlig normal, mit dem Sand zu spielen.

Das Kind hörte ganz plötzlich auf zu singen und da hörte ich diesen Ton wieder. Er war aber immer noch nicht nähergekommen. Und wieder hatte ich den Wunsch, jemand anderen zu fragen, ob er diesen Ton auch hörte. Da das Kind selbst so schön singen konnte, wäre es doch der richtige Augenblick, meine Frage zu stellen.

Ich überlegte noch eine kleine Weile und fragte dann: „Hörst du einen Ton? Jetzt, in diesem Moment?“

Das Kind schaute mich an und sagte: „Es ist nicht nur ein Ton, sondern eine Melodie.“

Ich runzelte meine Stirn und versuchte, die Melodie zu hören, von der das Kind sprach. Aber da war nur dieser eine Ton. „Welche Melodie hörst du?“, fragte ich weiter.

„Meine. Die, die in mir ist und die ich vorhin gesungen habe“, bekam ich als Antwort.

„Ich höre nur einenTon“, erwiderte ich.

Das Kind sah mich wieder eine Weile an. Mir war ein wenig unwohl dabei, aber ich lächelte es dennoch an.

„Kennst du diesen Spielplatz?“, fragte mich das Kind.

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich bin oft hier, aber oft nur ganz allein. Es kommt selten vor, dass sich jemand hierher verirrt“,erzählte es weiter.

„Spielst du gerne hier?“

„Ja, denn hier kann ich diese Melodie singen. Das ist anderswo kaum möglich.“

„Warum nur hier?“

„Weil ich sie hier am deutlichsten hören kann. Im Getümmel habe ich manchmal Angst, dass ich sie verlerne. Dann kann ich sie vielleicht eines Tages nicht mehr hören.“

Wir schwiegen eine Weile, dann sagte es: „So wie du.“

Ich blickte das Kind fragend an, sagte aber nichts.

So wie ich, hallte es in mir nach. Und dann musste ich doch etwas sagen: „Du meinst, ich kannte auch einmal so eine schöne Melodie, wie du sie vorhin gesungen hast?“

Das Kind lächelte mich an: „Natürlich – jeder kennt so eine Melodie. Doch die meisten vergessen sie irgendwann.“

Ich schaufelte weiter den Sand zu einem Hügel auf und fragte mich, ob dieser Ton der letzte meiner eigenen Melodie war.

Ich musste die Frage wohl laut gestellt haben, denn das Kind antwortete: „Ja, der letzte Ton deiner Melodie. Doch sei nicht traurig darüber, auf diesen Ton kannst du deine eigene innere Musik wieder aufbauen.“

Es stand auf, räumte die Spielsachen zusammen und ging.

Wie lange ich noch imSand saß, weiß ich nicht, aber in mir stieg eine leichte Freude auf, dass ich noch wenigstens einen Ton meiner Melodie kannte. Mit großen, federnden Schritten ging ich dann zurück und wusste, dass es eines Tages wieder möglich sein wird, alle Töne meines Liedes zu hören.

veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung  

 

des Spica Verlages