Mit einer meiner Geschichten bin ich unter den ersten zwanzig Plätzen beim Schreibwettbewerb 2016 des Buchjournals gelandet.


http://www.buchjournal.de/1234567/

 

Bei LovelyBooks gibt es eine Leserunde zu meinem Buch


https://www.lovelybooks.de/autor/Sandra-Sch%C3%BCmann/Der-erste-Satz-1344479190-w/leserunde/1461704388/

 

 

 

 

Jürgen

„Sylter Badenixen verkaufen auf dem Parchimer Wochenmarkt günstige und bequeme Pelzjacken.“

 

Als ich die Werbung in der Tageszeitung entdeckte, dachte ich, heute wäre der erste April. Sicherheitshalber sah ich mir das Datum der Zeitung an und stellte fest, dass nicht der erste April war, sondern der elfte Juli. Ich sah mir die Anzeige noch einmal an. Nur dieser Satz stand da, keine weiteren Informationen. Heute war Donnerstag, der nächste Markt würde am Samstag stattfinden. Den Stand mit den Pelzjacken wollte ich mir unbedingt ansehen. Ich schnitt die Anzeige aus der Zeitung aus und heftete sie an meine Pinnwand in der Küche.

Am Morgen des Samstags stand ich früher auf als sonst. Ich war neugierig auf den Pelzjackenstand. Nach dem Frühstück ging ich Richtung Markt und auf dem Weg dorthin merkte ich schon, dass der Tag anders war als die übrigen Wochentage.

Mir kamen schon viele Leute entgegen, dabei war es noch ziemlich früh. Diese Menschen  mussten noch viel eher aufgestanden sein als ich. Sie waren so fröhlich und ausgelassen, als wären sie gerade auf dem Weg zu einer Feier oder kämen von einer Party. Sie hatten alle die gleiche Tasche bei sich. Eine rot-blau-grüne Umhängetasche mit einer Meerjungfrau darauf. Oben in der Ecke befand sich eine kleine Abbildung von Sylt. Mir blieb der Mund offen stehen, als ich die vielen Taschen sah.

Als mir eine blond gelockte Frau entgegenkam, die mindestens so schön wie eine Meerjungfrau war, fasste ich mir ein Herz und sprach sie an. „Kommen Sie vom Markt?“, fragte ich.

Mit einem sonnigen Lächeln im Gesicht sah sie mich mit ihren meerblauen Augen an und sagte: „Ja, ich habe mir dort eine der Pelzjacken gekauft.“

Und während sie noch sprach, öffnete sie ihre Tasche und zog die Jacke heraus. Mir blieb fast der Atem weg, als ich das Wunderwerk sah. Sie gab mir die Jacke in die Hand, ein solches Material hatte ich noch niemals in Händen gehalten. Es war weich und fließend wie eine Welle in der Abenddämmerung. Es vereinte alle Farben in sich, die eine Sonne ins Meer wirft, wenn sie am Horizont untergeht. Mir schien, ich hörte das Rauschen der Wellen am sandigen Ufer des Meeres. Eingerahmt von einem hellen Pelz, wirkte die Jacke wie aus einem Märchen. 1001 Nacht musste die Schöpferin der Jacke dafür gebraucht haben, da war ich mir sicher. Die Frau sah meine Entzückung und bot mir an, die Jacke einmal anzuprobieren. Das tat ich und fühlte mich wie in den Tiefen eines wunderbar klaren Meeres. Ich weiß nicht, wie lange ich wie hypnotisiert dastand, irgendwann sagte die Frau, dass es noch viele solcher Jacken an dem Stand auf dem Wochenmarkt gebe. Ich zog die Jacke aus und reichte sie ihr zurück. Sie winkte mir zum Abschied zu und ich ging den Weg weiter in Richtung Markt.

Immer mehr Menschen kamen mir mit diesen schönen Taschen entgegen. Große und kleine, dicke und dünne, junge und alte. Offenbar wurde jeder in den Bann der Pelzjacken gezogen. Kurz vor dem Ziel rannte ich durch eine Mauer von Menschen, die Straße zum Markt war verstopft. In der Ferne hörte ich Sirenengeheul und dachte, dass die Polizei wohl zur Kontrolle hierherkäme.  

Als der Weg wieder frei war, befand ich michvor dem Stand der Badenixen und staunte wie ein kleines Kind, das unter dem Weihnachtsbaum seine Geschenke entdeckte.

Es stimmte, was die schöne blonde Meerjungfrau gesagt hatte, es gab noch unendlich viele dieser wunderschönen Jacken. Sie hingen auf Bügeln, die wie Meeresgras aussahen, unter einem Dach, das Perlmutt glich. Und jede der Verkäuferinnen hatte ein Kleid an, das sich so um ihren Körper schmiegte,

als wäre es ihre zweite Haut. Wie gebannt stand ich vor den Jacken und merkte kaum, dass eine nach der anderen auf dem Verkaufstisch einen neuen Besitzer fand.

Als ich aus meiner Träumerei erwachte, entdeckte ich sie: meine Jacke. Mir war, als stünde mein Name in unsichtbaren Buchstaben darauf, ganz zart und filigran, nur für mich sichtbar. Eine der Verkäuferinnen sah meinen Blick und folgte ihm bis zu dieser Jacke. Sie nahm die Jacke vom Bügel und hielt sie mir mit einem Lächeln entgegen. Als ich die Jacke in Händen hielt, verschmolz sie mit mir. Nicht eine einzige Sekunde wollte ich sie wieder hergeben. Ich zog sie an und spürte die leichte Meeresbrise eines Sommertages, fühlte das Salz des Meeres und roch den Duft, den es nur am Meer zu geben schien.

Ich erinnere mich kaum daran, wie ich mein Portemonnaie aus meiner Tasche holte und bezahlte. Die Verkäuferin wollte meine neue Jacke in eine Tasche tun, so, wie sie es bei allen anderen auch getan hatte.

Aber ich wollte die Jacke weiterhin an meinem Körper spüren. Also gab sie mir die leere Tasche und verabschiedete sich mit einem freundlichen Gruß.

Ich ging, als würde ich schweben, nach Hause. Nein, es war kein Schweben, es war wie ein Schwimmen im klaren, tiefen Meereswasser. Ich reihte mich in die Menschenmenge ein, die den Markt verließ. Jeder war vertieft in seinen eigenen Gedanken und mir schien, als wären es Meeresgedanken. Jeder hielt sein Stück des Meeres imHerzen.

Ich ging nicht geradewegs nach Hause, sondern nahm einen Umweg, damit ich die Jacke noch so lange wie möglich tragen konnte. Und ich entschloss mich dann vor der Haustür, sie auch im Haus zu tragen. Als ich die Treppe zur Wohnung hochging, spürte ich, wie die Jacke leichter wurde, so als würde sie sich der wärmeren Temperatur der Zimmer anpassen. Ich war so froh, sie auch hier tragen zu können.

In der Küche fand ich die Anzeige an meiner Pinnwand und hoffte sehr, dass sie noch einmal hierher zurückkehrten, die Sylter Badenixen.

Da klingelte es an der Tür. Ich ging hin und öffnete die Augen. Ich lag im Bett und mein Wecker zeigte mir, dass es Zeit war aufzustehen, um den neuen Tag zu beginnen.

Heute war der elfte Juli, wie ich am Frühstückstisch in der Tageszeitung lesen konnte.  

veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung
 

des Spica Verlages