Mit einer meiner Geschichten bin ich unter den ersten zwanzig Plätzen beim Schreibwettbewerb 2016 des Buchjournals gelandet.


http://www.buchjournal.de/1234567/

 

Bei LovelyBooks gibt es eine Leserunde zu meinem Buch


https://www.lovelybooks.de/autor/Sandra-Sch%C3%BCmann/Der-erste-Satz-1344479190-w/leserunde/1461704388/

 

 

 

 

Wiebke

An einem schönen Sommermorgen passierte etwas Unglaubliches.

 

Wie immer wurde ich vor meinen Eltern wach. Ich wollte mir ein Buch aus dem Regal holen, um darin zu lesen. Als ich dann auf dem Weg dorthin einen Blick aus meinem Fenster warf, sah ich davor etwas, das immer hin und her flog. Es flog sehr schnell und ich konnte nicht sofort erkennen, was es war. Ich öffnete das Fenster, lehnte mich hinaus und schaute dem fliegenden Wesen hinterher. Dieses Mal kam es nicht wieder zurück, sondern setzte sich auf das Dach gegenüber. Immer noch konnte ich nicht erkennen, was es war.

Jetzt, wo es still auf einem Dachziegel saß, konnte ich es genau beobachten. Je länger ich dem Wesen zusah, desto bunter wurde es. Nach einigen Sekunden hatte es alle Farben angenommen, die ich kannte. Es war etwa so groß wie mein Daumen und die Flügel schlugen immer hin und her, obwohl es sich sonst nicht bewegte. Am liebsten hätte ich es gerufen, aber ich befürchtete, es würde wegfliegen, wenn es mich entdeckte. So blieb ich still an meinem Fenster stehen und schaute weiterhin zu ihm aufs Dach.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit verging, aber nach einer Weile hob es seinen Kopf und sah mir direkt in die Augen. Ich erschrak so sehr, dass ich mir den Kopf am Fenster stieß.

„Aua“, sagte ich und legte meine Hand auf die Stelle, die mir wehtat. Da kam das kleine Wesen auf mich zugeflogen und setzte sich auf meinen Kopf, genau dorthin, wo mir gerade eine Beule wuchs. Vor Staunen hielt ich den Atem an. In der Fensterscheibe entdeckte ich unser Spiegelbild und ich merkte, wie das Wesen seine Farbe wechselte. Es wurde vollkommen blau und der Schmerz, der gerade noch in meinem Kopf dröhnte, war verschwunden. Das Wesen schien zu merken, dass es mir wieder gut ging, denn es flog zurück auf das Dach und wurde wieder bunt.

„Danke“, rief ich hinüber.

Es sah mich an und lächelte.

„Wer bist du?“, fragte ich das bunte Wesen, aber es gab mir keine Antwort. Vielleicht konnte es nicht sprechen? Ich fragte noch einmal, aber auch dieses Mal blieb es stumm.

Ich blieb am Fenster stehen und sah ihm einfach weiter zu. Da hörte ich, wie laute Worte aus dem Haus gegenüber kamen. Das Wesen blickte auf, es hatte die Worte also auch gehört. Ich verstand nicht, worüber geredet wurde, doch am Tonfall merkte ich, dass es dort Streit gab. Das Wesen flog genau zu dem Fenster, hinter dem die beiden stritten. Es färbte sich in ein leuchtendes Rot und augenblicklich waren keine Streitigkeiten mehr zu hören. Das kleine Wesen setzte sich wieder auf das Dach und wurde bunt.

Ich war ganz erstaunt von dem, was es tat. Ich fragte mich, wie das funktioniere, und da fiel mir ein, dass Rot die Farbe der Liebe ist. Ob es dem Pärchen Liebe geschickt hatte? Als es auf meinem Kopf vollkommen blau war, heilte es mich. War Blau die Farbe der Heilung? Ich hätte diese Fragen am liebsten alle gestellt, aber da ich bei meinem ersten Versuch keine Antwort erhielt, traute ich mich nicht so recht. Ich schwieg also und schaute zum Dach hinüber.

Das Wesen schlug wieder nur mit seinen Flügeln, alles andere bewegte sich nicht.

Eigentlich wollte ich nachsehen, ob meine Eltern schon wach waren, aber da bog eine Großmutter mit ihrem vierjährigen Enkel in unsere Straße ein. Ich hörte, wie der Junge immer wieder sagte, dass er nicht mehr laufen könne, er wolle getragen werden. Seine kleinen Arme streckte er der Oma entgegen. Aber seine Oma trug in beiden Händen Taschen, sodass sie ihn nicht auf den Arm nehmen konnte.

Das kleine Wesen flog zu den beiden und wurde von oben bis unten orange. Es leuchtete wunderschön. Und als ich mich fragte, ob die Frau und der Kleine das Wesen sehen konnten, lief der Junge plötzlich los, als hätte er die Kraft eines Bären in sich.

Ich war beeindruckt von der Zauberei des kleinen Wesens. Und da hörte ich, wie Mama leise mit Papa sprach. Mamas Worte konnte ich nicht verstehen, aber Papa sagte zu ihr, dass er das, was sie sagte, nicht glauben könne. Weil sich das Wesen nicht auf dem Dach gegenüber befand, ging ich zum Bett meiner Eltern. Und da sah ich es über Papa schweben. Ich wollte schon fragen, ob die beiden es auch sähen, als ich Papa plötzlich sagen hörte: „Vielleicht gibt es doch noch viel mehr zwischen Himmel und Erde als das, was ich sehe.“ Das Wesen leuchtete in einem klaren weißen Licht. Dann sah ich, dass es in mein Zimmer flog.

Ich lief ihm hinterher und entdeckte es auf dem Fensterbrett. Langsam ging ich auf das nun wieder bunte Wesen zu. Ich setzte mich auf den Teppich und fragte noch einmal: „Wer bist du?“

Es schaute mich lange an, bevor es antwortete: „Ich bin Kiasu und erinnere euch Menschen an die Farben, die ihr in euch tragt, und daran, was sie bedeuten, damit ihr zum Beispiel wieder lieben, hoffen und glauben könnt.“

Ich hatte schon meinen Mund geöffnet, um noch mehr Fragen zu stellen, doch da erhob sich Kiasu vom Fensterbrett und flog in den Himmel hinein.

„Bin ich genauso bunt wie du?“, fragte ich, obwohl ich wusste, dass Kiasu mich nicht mehr hören konnte.

Da kam Mama ins Zimmer, sie hatte ihr buntestes Sommerkleid angezogen und ich musste lächeln.

veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung

des Spica Verlages