Mit einer meiner Geschichten bin ich unter den ersten zwanzig Plätzen beim Schreibwettbewerb 2016 des Buchjournals gelandet.


http://www.buchjournal.de/1234567/

 

Bei LovelyBooks gibt es eine Leserunde zu meinem Buch


https://www.lovelybooks.de/autor/Sandra-Sch%C3%BCmann/Der-erste-Satz-1344479190-w/leserunde/1461704388/

 

 

 

Natascha

Es hatte tagelang geregnet und Benjamin stand mit den anderen auf der aufgeweichten Wiese, als er die ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages auf seinem Fell spürte.

Er freute sich über das gute Wetter, denn heute war ein besonderer Tag. Heute würde er sich aufmachen, Weihnachten zu entdecken.

So viele Tiere und Menschen sprachen seit einigen Tagen immer wieder über Weihnachten. Er wusste nicht, was es bedeutete, und er wollte es unbedingt herausfinden.

Nach dem Frühstück machte sich der Esel auf den Weg. Er ging den schmalen Pfad an der Wiese entlang. Immer weiter und weiter.

Gegen Mittag traf Benjamin auf eine Maus. Er begrüßte sie und fragte, ob sie wüsste, wo er Weihnachten finden könnte. Die kleine Maus antwortete, Weihnachten sei ein Fest, das man seit Ewigkeiten feierte. Schon die Ururururgroßeltern der Maus hätten es gefeiert. Aber ob man es einfach so finden könne, wisse sie nicht.

Der Esel ging weiter und traf am späten Nachmittag auf eine Ziege. Sie meckerte über den steinigen Weg. Als Benjamin sie auf Weihnachten ansprach, meckerte die Ziege immer noch: „Weihnachten ist ein schreckliches Fest. So viele meiner Verwandten landeten zu dieser Zeit als Festmahl auf den Tischen der Menschen.“

Da Benjamin merkte, dass er von der Ziege nichts weiter erfahren würde, ging er weiter. Er hoffte, dass er auf dem richtigen Weg sei.

Als es dunkel wurde, suchte sich der Esel eine Stelle zum Schlafen. Als er es sich unter einem Baum gemütlich gemacht hatte, hörte er ein leises Schuhu. Er blickte hoch in die Baumkrone und entdeckte eine Eule. Da Eulen kluge Tiere waren, fragte er sie nach Weihnachten. Sie sagte ihm, dass es um ein Kind gehe, wenn die Menschen und Tiere von Weihnachten redeten. Dann breitete sie ihre Flügel aus und flog in die Nacht.

Benjamin legte sich wieder hin und dachte über das, was die Eule ihm gesagt hatte, nach. „Ein Kind“, murmelte er vor sich hin und schlief ein.

Am nächsten Morgen machte er sich früh auf den Weg, das Kind zu suchen. Er ging durch Wälder, an Wiesen vorbei, über Hügel und traf gegen Mittag auf ein Schaf.

Der Esel fragte das Schaf nach seinem Namen.

„Ich bin Mora“, sagte es. „Und wer bist du?“

Als Benjamin dem Schaf erzählt hatte, wer er war und was er suche, erwiderte Mora: “Ich bin auf dem Weg zu einem Stall, lass uns gemeinsam gehen.“

Schweigend gingen sie nebeneinander her. Benjamin fragte sich im Stillen, wo dieser Stall wohl war, er musste weit entfernt liegen, sie gingen schließlich schon eine ganze Weile gemeinsam diesen Weg.

Der Esel fasste sich ein Herz und fragte:„Mora, wo ist der Stall, den du suchst? Wir laufen schon so lange und haben schon so viele Ställe gesehen, doch du gehst immer weiter.“

Mora sah Benjamin lächelnd an: „Der Stall, den ich suche, ist älter als alles, woran wir bislang auf unserem Weg vorbeigekommen sind.“

Der Esel verstand nicht genau, was Mora meinte, blieb aber still und ging weiter.

Am Abend suchten sie sich wieder einen Platz zum Schlafen. Benjamin lag lange wach und dachte über das Kind nach. Er sah zum Himmel hinauf und entdeckte einen hellen Stern. Er leuchtete viel heller als all die anderen Sterne. In Gedanken fragte er den Stern, ob er wisse, was Weihnachten bedeute. Daraufhin schlief er ein.

Als Benjamin wieder erwachte, rupfte Mora Gras. Nachdem auch er etwas gefressen hatte, machten sie sich wieder auf denWeg. Benjamin schaute zum Himmel, und obwohl er den Stern nicht mehr sehen konnte, ahnte er, dass er dennoch da war.

Sie gingen bereits ein paar Stunden, als sie plötzlich auf ein spielendes Kind am Wegesrand trafen. Der Esel war außer sich vor Freude, weil er glaubte, Weihnachten gefunden zu haben. Er lief auf das Kind zu und fragte ohne Begrüßung: „Bist du der Grund für Weihnachten?“

Das Kind schaute ihn an und schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht das Kind, das du suchst. Geht weiter in diese Richtung“, sagte das Kind und zeigte ihnen den Weg, „dann werdet ihr Weihnachten bald finden.“

Benjamin sah das Kind noch eine Weile an, Mora ging langsam weiter. Und als das Kind sich wieder seinem Spiel widmete, ging auch Benjamin in die Richtung, die das Kind ihnen gewiesen hatte.

Sie trafen unterwegs noch weitere Tiere. Jeder erzählte dem Esel auf seine Weihnachtsfrage eine andere Geschichte. Der Hase sagte etwas von einem Kaiser. Der Fuchs sprach von einer Stadt. Das Reh sagte ihnen, dass viele Menschen seinerzeit auf dieser Straße entlang gegangen waren. Und ein Schaf, das sich den Beiden angeschlossen hatte, erzählte wie Mora von einem Stall. Aber keiner von ihnen hatte je dieses Kind gesehen.

Benjamins Herz klopfte, als sie vor den Toren einer wunderschönen Stadt standen.

Viele Menschen tummelten sich in den Straßen. Immer wieder hörte er die Worte Stall, Volkszählung, Kaiser, Hirten, Engel.

Des Nachts schaute der Esel wieder in den Himmel und bemerkte einen leuchtenden Stern direkt über sich. Er ging ein Stück aus der Stadt hinaus, als die beiden Schafe schliefen, um den Stern noch besser sehen zu können.

Im Mondlicht entdeckte er einen Stall. Benjamin war auf einmal sehr aufgeregt und ging in den Stall hinein. Dort sah er eine kleine Krippe und viele Tiere.

„Bist du auch hier, um Weihnachten zu feiern?“

Benjamin zuckte vor Schreck zusammen, als er die Stimme eines Schafes hörte. Er nickte und das Schaf erzählte ihm von Weihnachten, wie es vor mehr als 2000 Jahren begonnen hatte. Der Esel lauschte so gebannt, dass er nicht merkte, wie sich der Stall füllte. Plötzlich waren so viele Tiere in dem kleinen Raum, dass er in dem Gedränge gegen eine Krippe stieß.

„In einer solchen Krippe hat das Kind gelegen“, schloss das Schaf seine Geschichte.

Mit den Worten der alten Sage im Herzen ging Benjamin auf das Feld und sah wieder den Stern, der damals als Wegweiser gedient hatte.

Ob er jemals einen der Engel, die damals hier gewesen waren, sehen würde? Benjamin seufzte und fühlte sich an diesem Ort wunderbar geborgen. Er freute sich darüber, dass einer seiner Artgenossen dabei gewesen war, als das Kind vor so langer Zeit auf die Erde kam.

 

Danke, liebe Natascha, dass die Geschichte hier stehen darf ♥.