Mit einer meiner Geschichten bin ich unter den ersten zwanzig Plätzen beim Schreibwettbewerb 2016 des Buchjournals gelandet.


http://www.buchjournal.de/1234567/

 

Bei LovelyBooks gibt es eine Leserunde zu meinem Buch


https://www.lovelybooks.de/autor/Sandra-Sch%C3%BCmann/Der-erste-Satz-1344479190-w/leserunde/1461704388/

 

 

 

Für Katrins Mutter

Sanft segelte der Schwalbenschwanz über den Trockenrasen und ließ sich elegant auf einer wilden Möhre nieder, die ihre zarte Blütendolde in den wolkenlosen Nachmittagshimmel reckte.

 

„Mutti“, rief ich laut in Richtung Hof. „Komm mal her, hier ist ein Schwalbenschwanz.“ Ich wartete ein paar Sekunden und sah, wie meine Mutter bleich vor Schreck über den Hof lief. Völlig außer Atem kam sie bei mir an.

“War unser Tiger wieder auf Jagd?“, fragte sie mit weit aufgerissenen Augen.

Ich sah sie verständnislos an, bis ich begriff, was sie meinte. Ich lachte und dieses Mal war es meine Mutter, die verständnislos guckte.

„Ich meine den Schmetterling“, sagte ich ihr und ihr Gesicht hellte sich auf. Nun lachten wir beide und merkten dann, dass der Schwalbenschwanz schon davongeflogen war.

„Kurz bevor du mich gerufen hast, habe ich unseren Tiger laut miauen gehört. Ich dachte sogleich, er hat sich wieder einmal einen Vogel geholt“, erklärte meine Mutter ihre Reaktion auf mein Rufen.

„Ach, Mutti, da siehst du, wie verschieden die Bedeutung von Worten sein kann“, erwiderte ich. Ich hakte mich bei ihr unter und gemeinsam gingen wir zurück zum Haus. Unser Tiger huschte mit seiner Beute im Maul an uns vorbei, ich konnte nicht sehen, was er gefangen hatte.

Als wir im Haus ankamen, kochte ich für uns einen Tee. Wir setzten uns auf die Terrasse und schauten in die Ferne. Ich fühlte mich wohl hier und wusste auf einmal, dass unser Missverständnis zum Schwalbenschwanz ein guter Anlass wäre, zu erklären, was mir auf dem Herzen lag. Schon seit Wochen schlich ich um das Thema herum. Nun schien der Moment gekommen zu sein, um es anzusprechen.

„Mutti“, begann ich leise.

„Ja“, antwortete sie ebenso leise und der Welt entrückt.

„Als du beim Schwalbenschwanz an den Vogel dachtest, ich aber den Schmetterling meinte“, führte ich fort, wusste jedoch nicht so recht, wie ich weitermachen sollte.

Meine Mutter sah mich schweigend an.

Ich blickte in den wolkenlosen Himmel und schickte ein Stoßgebet nach oben, dass mir Gott die richtigen Worte schenken möge.

„Weißt du, das Beispiel zeigt gut, wie verschieden man Dinge verstehen kann.“

Mein Herz klopfte bis zum Hals. Noch immer sah sie mich schweigend an, doch ich spürte, wie weit und offen ihr Herz für das war, was ich sagte. Das tat mir gut und nahm mir ein bisschen meine Nervosität.

„Als ich klein war“, sagte ich, „da habe ich oft überlegt, was du oder Papa mit euren Worten meint.“ Ich stockte, weil ich Angst hatte, weiterzusprechen.

Meine Mutter sah weg und holte Luft: „Ich weiß, was du meinst.“

Erwartungsvoll sah ich sie an.

„Es gibt viele Sätze, die ich bereue“, fuhr sie fort. „Einer davon ist ‚Warum hast du nur eine zwei in Mathe?’.“ Sie seufzte.

Mir stiegen die Tränen in die Augen und der große Kloß in meinem Hals hinderte mich daran, etwas zu sagen. Ich spürte, wie eine Träne über meine Wange lief. Ich versuchte, den Kloß hinunterzuschlucken,und öffnete meinen Mund, um zu sprechen. Aber außer einem Schluchzen brachte ich keinen Ton hervor.

Meine Mutter reichte mir ihre linke Hand, ich legte meine Hand in ihre und hörte, wie sie sagte: „Es tut mir leid. Ich wollte, dass ihr es besser habt als ich, ich wollte, dass ihr euer Leben so gestaltet, wie es euch gefällt, und dazu gehörten auch gute Noten.“

Nach einer Weile fügte sie hinzu: „Mir war damals nicht bewusst, dass du meine Frage auch so verstehen könntest, dass du nicht gut genug bist.“

Sie drückte meine Hand ganz fest und ich weinte lautlos. Wie ein unendlicher Strom liefen die Tränen über mein Gesicht.Ich war einerseits so froh, dass dieses Thema endlich zur Sprache kam. Andererseits wollte ich nicht, dass sie sich schlecht fühlte. Ihre Bitte um Entschuldigung tat meiner Seele so gut, dass ihre Worte in meinem Innern widerhallten.

„Ich weiß, dass es viele solcher Sätze gab“, flüsterte sie fast. „Ich kann sie nicht zurücknehmen, obwohl ich es mir wünsche.“

Ich sah meine Mutter an und wollte ihr sagen,wie gut es ist, darüber zu reden, aber sie sprach einfach weiter, erzählte von ihrer Kindheit, vom Muttersein – von all den Dingen, von denen ich nicht viel wusste. Ich hörte zu, während wir einander immer noch an den Händen hielten.

Als sie geendet hatte, waren meine Tränen fort, und ich fühlte in mir eine neue Leichtigkeit. Ich hatte angefangen, meine Mutter zu verstehen. Und sie verstand mich. Es war, als gäbe es ein neues Band zwischen uns - oder noch das alte, um das wir uns an diesem Nachmittag gekümmert haben. Lange Zeit sprach niemand von uns ein Wort.

Dann landete plötzlich ein Schmetterling auf der Teekanne – ein Schwalbenschwanz. Unser Tiger schlich um meine Beine, legte seine Beute - eine Maus - vor meine Füße und verschwand wieder. Der Schmetterling blieb lange auf der Kanne sitzen und ich summte leise das Lied der Schwalben vor mich hin.